Pilotprojekt Präventive Hausbesuche bei 75-Jährigen

Antrag

  1. Die Verwaltung entwickelt ein Rahmenkonzept für zugehende Präventive Hausbesuche bei 75- Jährigen in Karlsruhe.
    • Als Grundlage verwendet sie dabei die in der Handreichung für Kommunen dargestellten Erfahrungen des vom Sozialministerium Baden-Württemberg geförderten Modellprojekts „PräSenZ“ (Prävention für Senior*innen zu Hause“).
    • Besonderer Wert wird bei der Entwicklung des Konzepts auf eine qualitiatv hochwertige Schulung der Berater*innen gelegt, die sowohl im pflegerisch-fachlichen Bereich, bzgl. der Angebotssituation Karlsruhe als auch im kommunikativen Bereich kompetent sein müssen.
    • Für eine Übergangszeit während der Einführungsphase des Projekts in einem ausgewählten Stadtteil sollen auch die Senior*innen berücksichtigt werden, die älter als 75 Jahre alt sind.
  2. Im Anschluss führt die Verwaltung in einem ausgewählten Stadtteil „Präventive Hausbesuche bei 75-Jährigen“ als Pilotprojekt ein.
  3. Die Verwaltung berichtet regelmäßig über den Entwicklungsstand der Konzepte und des Pilotprojekts in den zuständigen Gremien des Gemeinderates.

Sachverhalt/Begründung

In der Gemeinderatssitzung vom 22. Oktober 2019 wurde die Anfrage der GRÜNEN zum Thema „Hausbesuche bei 75-Jährigen“ beantwortet. Die Verwaltung machte deutlich, dass dieses Modell in verschiedenen Kommunen erprobt wird, um „Erfahrungen zu sammeln, Bedarf und Akzeptanz und den daraus resultierenden Ressourcenbedarf abzuschätzen und anzupassen“.

Die Grüne Gemeinderatsfraktion fühlt sich dem Ziel der Daseinsfürsorge für alle Bürger*innen und damit auch für die der Senior*innen verpflichtet.

Senior*innen sollten die Chance haben, das Leben möglichst lang aktiv und selbstbestimmt zu gestalten und Pflegebedürftigkeit möglichst zu verhindern oder hinauszuzögern. Um vorhandene Bedarfe zu eruieren und zu befriedigen, müssen die Senior*innen zunächst umfassend über ihre Möglichkeiten informiert sein.

Bedenklich ist z.B., dass viele Elemente des deutschen Gesundheitssystems nicht genutzt werden, weil sie für größere Bevölkerungsgruppen schwer verständlich sind (siehe Studie Bertelsmann-Stiftung 2016)1. 66 % der Menschen in höherem Alter wissen beispielsweise nur unzureichend, wo und wie sie Informationen zu Gesundheit und Versorgung finden, was sie in ihrem Alltag tun sollten, um ihre Gesundheit bestmöglich zu erhalten und sie zu fördern.

Das erfolgreiche und evaluierte Modellprojekt „PräSenz“(Prävention für Senior*innen zu Hause) wurde in den Jahren 2014-2017 in drei Modellkommunen in Baden-Württemberg, u.a.in Ulm umgesetzt. Es wurde durch das Ministerium für Soziales und Integration gefördert. Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. war Projektträger und hat das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet. Die im Nachgang des Projektes erarbeitete „Handreichung für Kommunen zum Modellprojet PräSenZ“ steht landesweit als Grundlage für die Einführung von Präventiven Hausbesuchen zur Verfügung.

Städte wie Stuttgart, Hamburg, Köln führen präventive Hausbesuche durch.

Beratungsgespräche bei präventiven Hausbesuchen sind ein Angebot und damit freiwillig. Es hat sich als sinnvoll herausgestellt, die Berater*innen an städtische Strukturen anzubinden und in einem Schreiben zum Geburtstag durch den Oberbürgermeister einen Termin vorzuschlagen.

Themen wie Wohnsituation, Hilfen im Haushalt, Gesunderhaltung, soziale Einbindung, Mobilität oder Finanzielles können besprochen und passgenaue Hilfen von den Berater*innen vermittelt werden. Durch die Besuche soll Vertrauen in die Unterstützungsangebote vor Ort aufgebaut und die Senior*innen aktiviert werden, ihre jetzige und zukünftige Situation selbstbestimmt zu planen.

Das Projekt stellt keine Doppelstruktur bzw. Konkurrenz zu bestehenden Angeboten dar: Die Berater*innen informieren und vermitteln Senior*innen dem Seniorenbüro der Stadt und den Trägern der Senior*innenhilfe.

Zunächst sollen in einem ausgewählten Stadtteil „Präventive Hausbesuche bei 75-Jährigen“ als Pilotprojekt angeboten und evaluiert werden. Mit den dabei gesammelten Erfahrungen soll eine Ausweitung des Angebots auf das gesamte Stadtgebiet erfolgen.

Zur Einführung des Pilotprojektes gehört auch ein Konzept zur Frage, wie die Über-75-Jährigen übergangsmäßig ebenfalls von dem Angebot profitieren können und damit nicht benachteiligt werden.

Die Grüne Gemeinderatsfraktion geht nach den Ergebnissen von “PräSenZ” davon aus, dass die Einführung präventiver Hausbesuche dazu beiträgt, die Notwendigkeit der Pflege für ältere Mitbürger*innen hinauszögern oder sogar zu verhindern und durch Infos über quartiernahe Angebote die Einsamkeit von alten Menschen zu lindern. Die Verwaltung wiederum kann auf diese Weise erfahren, welche Bedarfe für die ältere Bevölkerung in den einzelnen Stadtteilen bestehen.

Voraussetzung für erfolgreiche Hausbesuche ist laut Evaluation die gute Qualifizierung der Berater*innen.

Durch regelmäßige Berichte in den zuständigen Gremien hat der Gemeinderat die Möglichkeit über notwendige Maßnahmen zu entscheiden.

Unterzeichnet von:

Verena Anlauf, Aljoscha Löffler, Michael Borner, Niko Riebel

(1) Schaeffer, D./Vogt,D./Berens, E.M./Hurrelmann, K. „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland – Ergebnisbericht, Bielefeld“, Universität Bielefeld, 2016

Der Antrag wurde erst bei der Gemeinderatssitzung vom 21. Januar 2020 beraten.
Stellungnahme der Stadtverwaltung und Protokoll

Der Gemeinderat stimmt in seiner Sitzung am 23.03.21, nach Vorberatung im Sozialausschuss, dem Konzept inhaltlich zu.

Verwandte Artikel